Österreichische Dialekte in Schrift

Dialekte schützen?

 

Vergleichen Sie doch bitte einmal diese drei Versionen von einem Liedtext.

Die rosa geschrieben Laute zeigen Ihnen die Unterschiede in der Aussprache,

und die grau geschrieben Wörter sind sogar ganz anders.

(Version 1)

I hob di gern

I hab di gern

so viel als i vermag,
bei finsterer Nacht

grad so als wie bei Tag.
Denn schau, i man

du worst mei größter Sponn,
mir hätt
′s jo gor

nit lad geton.

(Version 2)

I håb di gern

I håb di gern

so viel åls i vermåg,

in finstra Nåcht,

gråd so als wia bei Tåg,

und sigst, i man,

du warst mei liabsta Gspånn,

es hätt mir går

nia lad getån. 

(Version 3)

I håb di gern

I håb di gern

so vüåls i vermåg.

In finstra Nåcht,

gråd so åls wia bam Tåg.

Und schau, i man,

du warst mei bester Gsponn.

Mir hätt's ja går

nia lad getån. 

Wie können so veile Abweichungen möglich sein? Und was erkennen wir hier?

 

Dialekt schreibt einfach jeder total willkürlich

Man hat als Leser und Sänger keine Ahnung, was denn nun gemeint ist.

  • Soll ich viel oder vül singen? 

  • Soll ich finstara oder finstra singen? 

  • Soll ich Tag oder Tåg singen?

  • Und vor allem: Soll ich wårst oder warst singen?
    Das ist ja ein großer Bedeutungsunterschied!
    Ist die Botschaft, dass du mein liebster Gspånn
    warst oder wärst?

Es ist traurig. Nur sehr traurig, dass unsere österreichischen Muttersprachen, nach mehr als 900 Jahren noch immer keine Möglichkeit gefunden haben, geschrieben zu werden. Bevor ich dann gleich damit anfange, über die vielen Vorteile des ÖDiS' zu schwafeln, kann ich Ihnen das Interview hier wärmsten empfehlen. Es gibt einen groben Aufschluss darüber, was es mit dem ÖDiS eigentlich auf sich hat.

Vielleicht denken Sie jetzt, das stimmt doch nicht! In SMS oder Volksliedern könnma doch guat Dialekt schreibn, und a jeder versteht's dånn jå a. Das ist aber nur teilweise richtig. Denn das Problem mit dieser Schreibweise liegt an der gleichzeitigen Verhochdeutschung. Wir haben dann leider die Tendenz, diese Dialekt so hochdeutsch wie nur möglich zu schreiben, um leichter verstanden zu werden. Deswegen schrieb ich hier auch Dialekt und nicht Tialekt so wie wir es hier aussprechen würden. Ich schrieb schreibn und nicht schraem, ich schrieb und und nicht unt, ich schrieb versteht und nicht fasteht...

Das wäre theoretisch auch gar kein Problem, denn wir können ja damit rechnen, dass der Leser die Worte richtig im Dialekt versteht. Doch das Problem wird um einiges heftiger, wenn dann die Grammatik, der Wortschatz oder die Satzstellung darunter leiden. Denn dann haben wir nur noch 

Interview

1) Einleitung

2) Was ist ÖDiS?

3) Warum gibt es ÖDiS?

4) Wann und wo?

5) Schluss

Das Interview als PDF:

Einleitung - Haberl Leonhard über ÖDiS
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Was ist ÖDiS? - Haberl Leonhard über ÖDiS
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Warum ÖDiS? - Haberl Leonhard über ÖDiS
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Wann und wo? - Haberl Leonhard über ÖDiS
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Schluss - Haberl Leonhard über ÖDiS
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ein Hochdeutsch mit dialektaler Aussprache. Fast wie eine leblose Fassade. Ganz gute Beispiele dafür finden wir im Kärntnerischen. Dort existiert noch immer ein unbestimmter Artikel in der Mehrzahl, der im Hochdeutschen längst ausgestorben ist: áne. Daher kann ich im Kärntnerischen auch ohne Probleme sagen: „Tcs san áne guatn Epfl“ (Das sind eine guten Äpfel). Es wäre falsch das Wort áne mit einige oder manche zu übersetzen, weil das die Bedeutung verändern würde. Hier haben wir es also mit dialektaler Grammatikk zu tun, die es im Hochdeutschen nicht gibt.

 

Ich möchte Ihnen hier noch drei weitere Phänomene zeigen, um Sie davon zu überzeugen, dass diese kleinen Laute, die wir so oft „verschlucken“ einen richtigen Sinn im Dialekt haben, und notwendig sind. Ich weiß, dass diese Phänomene im Kärntnerischen geschehen, aber es ist gut möglich, dass sie auch in Ihrem Dialekt eintreffen: 

 

Das unsichtbare Dativ-n. Kennen Sie vielleicht das Buch Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod? Im Kärntnerischen gehen wir da noch einen Schritt weiter, denn dort wollen wir vor allem den Dativ Mehrzall vermeiden (also den 3. Fall). Ein Beispiel für diesen Fall wäre: Der Lehrer hilft den Kindern. Natürlich könnte ich im Kärntnerischen ÖDiS den Satz auch genauso schreiben; also: Ta Leara hülft tén Kindan. Aber es ist wohl noch ganz typisch Kärntnerisch. Denn dort würden wir das fast unsichtbare Wort n einfügen, um diesen Dativ zu vermeiden. Deshalb würde man es im richtigen Kärntnerisch so sagen: Ta Leara hülft nKinda. Und siehe da, der Dativ ist weg. Wir sagen schließlich nicht Ta Leara hülft n dén Kindan.  

Das slawische A. In einigen slawischen Sprachen, vor allem dem Slowenischen, beginnen Fragen sehr oft mit dem Fragewort A. Dieses A zeigt einem nur, dass jetzt eine Frage gefragt wird. Und genau dieses A haben wir im Kärntnerischen übernommen: A wcs mcħst n dú dć? (Was machst denn du da?). Eigentlich ist dieses A total überflüssig, und deshalb hat es wohl auch nie seinen Weg ins Hochdeutsche gaschafft, aber trotzdem sagt man das so in Kärnten. Weil es so überflüssig ist, wird es auch oft weggelassen, und genau dann verliert die Mundart eine typische Eigenart, nur um dem Hochdeutsch näher zu kommen. 

Die „englische“ Gegenwart. Na, was haben Sie in der Schule gelernt? Wie verneint man englische Sätze? I read the book, wird wohl nicht zu I read not the book. Denn richtig ist natürlich I don't read the book. Und wenn Sie hervorheben möchten, dass Sie nun ein Buch lesen, dann können Sie ohne Probleme sagen I do read the book. Diese Form haben wir auch im Kärntnerischen, und sie ist wohl der Albtraum jedes Deutschlehrers: Í tua s Puaħ lésn (Ich tu' das Buch lesen). Im Hochdeutschen gilt diese Form als hässlich, hingegen im schönen, königlichen und stilvollen England, ist es Gang und Gebe. Was lernen wir daraus? Im Hochdeutschen sollten wir solche Sätze vermeiden, aber in der Mundart ist es voll in Ordnung.

 

Nur weil es nicht in der einen Sprache schön ist,

muss es das nicht auch in einer anderen sein.

Vielleicht denken Sie jetzt: Na gut, ich verstehe, warum eine eigene Schriftsprache fü​r meinen Dialekt nötig wäre, aber brauch' ich denn überhaupt meinen Dialekt? Die globalisierte Welt von heute, braucht doch große Sprachen, damit so viele wie möglich miteinander kommunizieren können. Und Hochdeutsch ist groß. Da haben Sie recht. Und wir brauchen Hochdeutsch. Unsere Muttersprache darf nicht als Ersatz für die Standardsprache gesehen werden, sondern als Bereicherung. Gleich funktioniert es im Kino: Wir brauchen keine Farbe oder 3D, denn wir bekommen auch bei schwarzweiß die Handlung mit. Und wir brauchen erst recht keine Musik, denn die ist nur überflüssig und lenkt noch dazu von der Handlung ab. Aber... Ist nicht das Erlebnis an sich, das Wichtigste an einem Film? Ist es nicht so viel schöner mit Farbe und so viel eindrucksvoller im 3D? Und schafft es nicht die Musik, einem eine Gänsehaut im richtigen Augenblick zu bescheren? 

Dialekte sind womöglich überflüssig. Genauso überflüssig wie so viel Anderes. Wir könnten sicherlich ohne Dialekte überleben, und alle gemeinsam Hochdeutsch sprechen, doch was verlieren wir dadurch? Unsere Identität. Identität macht uns aus, denn sie zeigt, wo wir dazugehören und wo wir nicht dazugehören. Wir Menschen sind nun 'mal Rudeltiere, und denn Drang zu sozialen Kontakten können wir nicht ablegen. Eine Identität setzt sich aus vielen einzelnen Bestandteilen zusammen, und diese hier sind die häufigsten:

  • Aktivität (z.B. Beruf und Kollegen, Hobbys und Freunde...)

  • Aussehen (z.B. Hautfarbe, Haarfarbe, Muskelprotz, Lifestyle...)

  • Errungenschaft (z.B. Status, Titel, Mutterrolle, Vaterrolle, Veteran...)

  • Familie (z.B. Zusammenhalt mit Familienangehörige, Großfamilien, Adelstitel...)

  • Geschlecht (z.B. männlich, weiblich, ohne Geschlecht, drittes Geschlecht, Transgender...)

  • Musik (z.B. Punk, high-class-klassische-Musik-Elite, Volksmusik, Fans von Artisten...)

  • Ort (z.B. Heimat, die eigenen Wurzeln, Wohnsitz, Staatsbürgerschaft, Nation, Region, Kontinent...)

  • Sexualität (z.B. heterosexuell, bisexuell, homosexuell, BDSM, Fetische, asexuell...)

  • Sprache? (z.B. Muttersprache?, Gedanken?, Zweitsprache?, Gespräche?, Gebärdensprache?...)

  • Weltanschauung (z.B. Religion, Esoterik, Ideologie, Philosophie, politische Meinung...)

  • Zeit (z.B. Alter, Zeitgeist, Erinnerungen, Generation...)

 

Warum um alles in der Welt habe ich dem Bestandteil Sprache, eine Fragezeichen beigefügt? Ich bin mir — um ehrlich zu sein — nicht sicher ob die Sprache ein Bestandteil ist. Denn eigentlich sind die meisten anderen Bestandteile von ihr abhängig. Vielleicht ist sie eine Art Bedingung, die erfüllt werden muss, um überhaupt dazuzugehören. Immerhin geschehen doch alle unsere Gedanken in einer Sprache, und jede Art der Konversation benötigt eine Form von Sprache. Und Sprachen geben sehr viel über eine Kultur preis. So gibt es im Österreichischen sehr viele Wörter für Bergformen, im Norddeutschen sehr viele maritime Ausdrücke, und in der nordsamischen Ursprache mehr als 300 Wörter für „Schnee“ je nachdem ob dieser trocken, feucht, alt, gräulich oder eishaltig ist. Aus diesem Grund sollte es auch im Interesse aller sein, die einzelnen Sprachen zu fördern und zu bewahren. Egal auf welcher politischen Seite man sich sieht. Für linkspolitisch motivierte ginge es ja um den Erhalt der natürlichen Vielfalt, während die Motivation von rechtspolitischen eher auf das Brauchtum und Traditionen begründet wäre.

Aber warum eilt es mit der Rettung der Mundarten?

Unsere Mundarten sind bereits am Aussterben. Das sehen wir vor allem in den größeren Städten, wo fast nur noch Hochdeutsch mit dialektaler Aussprache gesprochen wird. Nicht umsonst hat die UNESCO im Jahre 2009 die bairische Sprache — d.h. die Dialektfamilie, der die meisten österreichischen Dialekte angehören — als gefährdet und damit schützenswert eingestuft. Viele Menschen meinen, dass die Dialekte sterben, weil sie weder mit der modernen Zeit noch mit der modernen Sprache mithalten können. Das ist vollkommener Unsinn, wenn nicht sogar eine grundlegende Idiotie. 

Eine Sprache ist nicht mehr als das, was wir aus ihr machen. 

Sie ist ein Werkzeug, genauso wie es ein Hammer oder ein Computer ist. Sie kann nicht anders als angewendet werden. Daher liegt es an uns sie anzuwenden, und sie dem modernen Leben anzupassen. Sie ist wie ein Spiegel einer Gesellschaft, und zeigt uns, wer wir eigentlich sind. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Stellen Sie sich vor, ganz Tirol wäre von Mathematikern bewohnt. Das würde sich in der Sprache widerspiegeln. Automatisch würden dann neue Ausdrücke entstehen wie z.B. „Der Baum ist größer gleich dem Auto“ oder „Gehen ich plus du morgen ins Kino zum Zeitpunkt x?“ Das wären gängige Redewendungen um sich auszudrücken, und jeder würde es ja auch verstehen, weil immerhin jeder Mathematiker ist.

 

Das augengleiche geschieht gerade mit uns, nur dass wir es nicht merken. Was macht eine Sprache groß und mächtig? Seine Kultur. Seien es Lieder, Texte, Wissenschaft oder Religion. Durch eben diese Kultur kann sich eine Sprache behaupten. Deshalb werden die meisten kulturellen Texte derzeit auf Hochdeutsch geschrieben. Was bedeutet das für den Dialekt? Der Dialekt versumpft dadurch in einer Kultur der Unkultur. Er wird das Gegenteil vom Hochdeutschen: das primitive, das nicht ausgebildete, das hässliche und das ordinäre. Diesen Status haben die Dialekte schon lange, und im Kärntnerischen sehen wir gut, dass Dialektworte immer etwas Schlimmeres bedeuten als die hochdeutschen Pendants: das Kind ist ein Kind, und der Kšrop ist ein unartiges Kind, die Hütte ist die Hütte, und die Kaešn ist eine hässliche Hütte, langsam bedeutet langsam, und pučáse bedeutet träg oder faul... 

 

Die Sprache ist wie ein Spiegel. Wenn wir nicht anfangen, unsere Muttersprachen zu verwenden, dann werden sie sterben ohne jemals richtig gelebt uns sich entfaltet zu haben. Daher müssen wir es schaffen, so viel Kultur wie nur möglich in Mundart zu schreiben; und das am besten im ÖDiS um die Echtheit zu bewahren. Zurzeit spiegeln die meisten unkultivierten Dialekte eine Gesellschaft mit Unkultur wieder, weil einfach jeder, der Kultur möchte, auf das Hochdeutsche ausweicht. Deshalb brauchen wir jetzt Kultur im ÖDiS. Deshalb schreibe ich eine kärntnerische Oper. Deshalb schreibe ich kärntnerische Gedichte und Übersetzungen. Deshalb verfasse ich eine philosophische Abhandlung im ÖDiS. Um dieser beinahe toten Sprache, das Leben von Kultur einzuhauchen, und ihr eine schriftliche Heimat zu geben. 

Wir haben eine Verantwortung über unsere Kultur.

Wenn nicht wir, wer denn bitte sonst?

Alles gut und schön, aber ÖDiS ist nichts für mich!

Das ist in Ordnung. Zwar nicht optimal, aber in Ordnung. Denn Sie können dennoch einen Beitrag leisten:

  • Sprechen Sie bewusst im Dialekt. Das ist nur die ersten Tage schwer oder komisch und dann hat sich jeder daran gewöhnt.
     

  • Belächeln Sie niemals andere, die ihren Dialekt sprechen. Denn somit geben Sie zum Ausdruck, das diese Sprache weniger wert ist.
     

  • Erzählen Sie anderen über die Wichtigkeit von Dialekten. Verbreiten Sie Ihr Wissen, und helfen Sie anderen.
     

  • Gehen Sie in eine Buchhandlung und bitten Sie darum, die Dialektbücher von der Humorabteilung in die Sprachabteilung zu siedeln.
     

  • Zeigen Sie aufrichtiges Interesse an Dialekten, und komplimentieren Sie diese. Fragen Sie nach interessanten Wörtern, und ihr gegenüber wird schmelzen.
     

  • Konsumieren Sie bewusst Vorstellungen oder Kultur, die im Dialekt geschrieben worden ist. Denn so wird aus diesem Vorhaben ein Markt, der Dialekte ermöglicht. 
     

  • Schlafen Sie eine Nacht über Ihre Entscheidung. Wir Menschen gehen oft den Weg des geringsten Widerstands, und sich ein neues Alphabet zu lernen, kann Arbeit bedeuten. Aber vielleicht ist es das dieses eine Mal wert?